Attachment Parenting – Ist das wirklich was für mich?

Attachment Parenting – Ist das wirklich was für mich?

14. Februar 2018 1 Von Julia

Während meiner Schwangerschaft habe ich mir ganz wenig Gedanken darüber gemacht, welcher Erziehungstyp ich sein möchte. Ich wusste nur eins: dieses ganze „bedürfnisorientiert“ sollte mir gestohlen bleiben. Tja, ein paar Hormone später wälzte ich Bücher wie „Mein kompetentes Baby“, „Artgerecht“ und „Geborgen wachsen“. Und ja, ich habe mich mit dem Thema „attachment parenting“ ganz intensiv auseinander gesetzt. Bin ich das wirklich?

Ich habe mal darüber nachgedacht, wie ich eigentlich erzogen wurde. Um ehrlich zu sein, ich konnte keinen „exakten“ Erziehungsstil feststellen. Aber das geht vermutlich vielen Erwachsenen so. Wie soll man auch als Kind wissen, nach welchen „Regeln“ und „Methoden“ man selbst erzogen wird. Also dachte ich zunächst darüber nach, was ich meinem Kind mit auf den Weg geben möchte: der Umgang mit Geld, immer ehrlich sein, nicht aufgeben, wenn es kompliziert wird. Gut und schön, aber das sind sind keine Erziehungsmethoden.

Durch Zufall las ich einen Artikel einer Bloggerin, die ihre Kinder nach dem „attachment parenting“ Prinzip erzieht. Und zum ersten Mal habe ich mich intensiv damit auseinander gesetzt, was es eigentlich bedeutet, ein Kind bindungs- und bedürfnisorientiert zu erziehen. Und auf einmal wurde mir klar, dass ich das ganze Thema völlig zu unrecht vorverurteilt hatte. Übrigens auch eine Sache, die ich unserem Sohn mit auf den Weg geben möchte: sei niemals voreingenommen und mache Dir immer selbst ein Bild. Tja, da muss ich wohl noch ein bisschen an mir selbst arbeiten.

Was ist dieses „attachment parenting“ eigentlich?

Googelt man diesen Begriff, kommt man schnell auf den Blog geborgen-wachsen.de von Susanne. Deren Buch habe ich im Übrigen gelesen und war beeindruckt. Sie erklärt recht gut, was attachment parenting eigentlich genau bedeutet. Diese Erziehungsmethode soll die Bindung zwischen Mutter und Kind durch sieben Säulen stärken. Die Erfinder des attachment parenting nennen das die 7 Baby-B’s: Bonding nach der Geburt, Stillen (breastfeeding), Tragen (babywearing), Familienbett (bedding close to baby), nicht schreien lassen (belief in babys crying), kein Schlaftraining (beware of baby training) und Balance zwischen Babys und Mamas Bedürfnissen (balance and boundries).

Dumm nur, dass bei mir schon mal zwei Dinge wegfallen: Stillen und Familienbett. Ich habe mich gegen das Stillen entschieden, aus Gründen, die ich nicht öffentlich diskutieren möchte. Und unser Sohn kann nicht im Familienbett schlafen, weil wir ein Wasserbett haben (das ist einfach zu gefährlich). Ist attachment parenting also die richtige Erziehungsmethode für mich?

Mach‘ Dir Deine eigenen Regeln

Da stand ich also nun mit den sieben Regeln, von denen ich zwei schon mal nicht erfüllen konnte. Aber braucht ein Baby wirklich die Brust um sich fest an seine Mutter zu binden? Und muss ein Baby wirklich zwischen seinen Eltern schlafen um zu wissen, dass sie immer da sind? Ich habe lange darüber nachgedacht und muss sagen: nein, tut es nicht. Und wenn wir mal ehrlich sind: ein Kind mit der Flasche zu füttern erzeugt genauso viel Nähe wie das Stillen. Vorausgesetzt ich möchte das. Und ja, man kann sein Kind mit der Flasche auch so füttern, dass es möglichst weit weg liegt, aber ich tue das nicht. Wenn unser Sohn gefüttert wird, dann nehme ich mir die Zeit, lege ihn in meinen Arm und halte ihn so nah wie möglich bei mir. Und im Gegensatz zu den stillenden Müttern habe ich keine Hand frei um darin mein Handy zu halten. Ich brauche beide Hände zum Füttern 🙂

Und zum Familienbett: klar ist das schön, wenn das Baby zwischen den Eltern liegt. Und aus evolutionsbiologischer Sicht ist das auch total natürlich, denn es könnte jederzeit der Säbelzahntiger kommen. Nur leider ist ein Wasserbett einfach zu gefährlich (Überhitzung & Ersticken). Und nein, es kam für uns nicht in Frage, ein anderes Bett zu kaufen (Kostenfrage). Deshalb schläft Paul in einem Beistellbett. Ich schlafe ganz automatisch immer am Rand des Bettes, sodass ich meinem Sohn genauso nah bin, wie im Familienbett.

Meine attachment parenting Regeln

Wenn man sich mal sich mal intensiv mit dem attachment parenting auseinandersetzt wird man feststellen, dass es hierbei nicht um das sture einhalten irgendwelcher Regeln geht, sondern darum, eine starke Bindung zu seinem Kind aufzubauen. Die sieben Baby-B’s sollen dabei helfen. Aber auch ein Flaschenkind kann und wird liebevoll und bindungsorientiert aufgezogen. Auch ein Baby, dass im Beistellbett schläft, kann eine starke Bindung zu seinen Eltern aufbauen.

Was ich allerdings nicht bestreiten möchte, sind die positiven Wirkungen von Bonding und „sein Kind nicht schreien lassen“. Das Bonding nach der Geburt ist wichtig. ABER: es muss nicht unbedingt exakt nach der Geburt stattfinden. Ich hatte einen Kaiserschnitt unter Vollnarkose und konnte unseren Sohn erst 45 Minuten nach der Geburt in den Arm nehmen. Und dennoch habe ich eine starke Bindung zu ihm und umgekehrt.

Auch das „nicht schreien lassen“ ist für mich enorm wichtig. Sicher renne ich nicht gleich beim ersten Quäken zu unserem Sohn (wenngleich ich das in den ersten Wochen getan habe). Aber sobald ich auch nur erahnen kann, dass er schreien wird, nehme ich ihn auf den Arm. Und auch hier gibt es ein ABER: wenn ich alleine zu Hause bin und ihn gerade für den Spaziergang fertig mache, kommt es oft vor, dass er dann fertig im Kinderwagen liegt und schreit. Ich bin leider noch nicht angezogen und der Hund auch nicht. Nun, was soll ich dann tun? Er hört nunmal erst auf zu schreien, wenn der Kinderwagen rollt. Und das kann er nur, wenn ich angezogen bin und auch der Hund sein Geschirr an hat. Daher kommt es – leider – recht häufig vor, dass Paul einfach mal 20 Sekunden schreit. Ich kann es in dieser Situation nicht ändern. Was ich aber tue: ich rede mit ihm. Ich habe nämlich das Gefühl, dass meine Stimme und die immer gleichen Worte, die ich dann zu ihm sagen, ihm suggerieren „Mama ist da, sie hat Dich nicht vergessen“. Und auch im Auto schreit er manchmal, denn auch in dieser Situation kann ich nichts tun, denn ich fahre ja gerade. Und nein, rechts ranfahren ist auf der Autobahn keine Option für mich.

Von Schlaftraining, von dem ja beim attachment parenting strikt abgeraten wird, halte ich auch nichts. In den meisten Fällen wird hier einfach dazu geraten, das Kind in sein Zimmer zu legen und es schreien zu lassen. Er würde sich irgendwann von selbst beruhigen und einschlafen. Das ist völliger Quatsch! Ein Baby kann sich nicht von selbst beruhigen. Es schreit so lange, bis im die Kräfte ausgehen und deshalb schläft es ein. Und was lernt es dann? Wenn mich meine Eltern zum schlafen legen, werde ich allein gelassen. Und das führt letztlich dazu, dass die Babys noch schlechter einschlafen. Auch hier kann ich ein Buch empfehlen: Schlaf gut, Baby!: Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten. Mit-Autorin ist die tolle Nora Imlau, deren Bücher ich auch verschlungen habe. 

Auch mit dem Thema „Baby tragen“ habe ich mich auseinander gesetzt. Ich habe ein Tragetuch gekauft, eine Trageberaterin engagiert und eine spezielle Babytrage aus Tragetuchstoff gekauft. Alles, damit unser Sohn immer getragen werden kann. Den Kinderwagen wollte ich so oft wie möglich stehen lassen. Tja, dumm nur, dass Paul beides irgendwie nicht so gern hat. Zum spazieren gehen sitzt er gern in der Babytrage, aber sobald wir drinnen sind, weint er nur noch. Und das Tragetuch hasst er total. Das hat genau einmal funktioniert und dann nie wieder. Ich hoffe ja noch, dass sich das wieder legt. Es wäre nämlich unglaublich praktisch, wenn ich ihn da mal einhängen könnte um ein bisschen Hausarbeit zu machen.

Zuletzt habe ich mir darüber Gedanken gemacht, wie ich es schaffe kann, eine gute Balance zwischen den Bedürfnissen von Paul und meinen zu bekommen. Das war gar nicht so einfach, aber mit der Unterstützung meines Mannes hat das gut geklappt. Ich genieße die kleinen Momente für mich: morgens im Bad um mich fertig zu machen, die 15 Minuten abends oder mal die zwei Stunden, in denen ich das Haus putze 😛 Und ja, ich war vier Wochen nach der Geburt für drei Stunden nicht zu Hause, denn ich war beim Friseur. Und auch sonst lasse ich meinen Sohn ab und zu in der Obhut einer Freundin. Warum? Weil ich halt auch einfach mal was erledigen muss. Oder weil ich einfach mal 20 Minuten alleine mit dem Hund rausgehen möchte. Ich finde das nicht verwerflich, sondern nur menschlich.

Ist attachment parenting das Richtige für mich?

Ich finde, man darf sich niemals geißeln und versuchen streng alle Regeln einzuhalten. Man möchte doch seine Kinder liebevoll erziehen und dazu gehört auch die nötige Gelassenheit und der Mut, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen. Eine Freundin sagte mal zu mir:

„Babys überleben Erstlingseltern schon.“

Und das stimmt auch 🙂 Unsere Babys verzeihen uns den einen oder anderen Fehler. Sie verzeihen uns, wenn wir mal nicht sofort erkennen, dass sie hungrig sind oder das die Windel voll ist. Sie verzeihen uns, wenn wir sie nicht stillen, sondern mit der Flasche füttern. Und sie verzeihen uns, wenn sie – aus welchem Grund auch immer – im Beistelltbettchen schlafen müssen.

Das Wichtigste für unsere Babys ist unsere Liebe, die wir ihnen geben. Unsere Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken und die Tatsache, dass wir alles tun, damit sie geboren und liebevoll aufwachsen.